… Grenzfall …

Geschichten rund um die Anichstraße: Bis 1878 verlief die Grenze zwischen Innsbruck und Wilten westlich der Neustadt hinter den Gärten der Häuser an der Westseite der Maria-Theresien-Straße nordwärts bis zu einem Feldweg, der an der Stelle der 1877 angelegten Anichstraße durch einen schmalen Torbogen aus der Stadt hinaus auf die Wiltener Felder und hinaus zum Prügelbau geführt hat.

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Auszug Stadtplan Innsbruck, Entschuldigungskarte, 1889

Durch ihre zentrale Lage hat die Anichstraße eine überaus bewegte Geschichte. Zahlreiche Demonstrationszüge führten durch die Straße und in der Zeit zwischen 1918 und 19138 wurde die Straße in vielen Zeitungsmeldungen erwähnt. Beispiel die Volkszeitung vom 18.1.1934: „In Innsbruck wurde gleichfalls am 16. Jänner in den Nachmittagsstunden im Hausflur des Hauses Anichstraße Nr. 42 ein Papierböller zur Explosion gebracht. Durch die Beschädigung von Fensterscheiben, Türen und Mauerwerk wurde ein Schaden von ungefähr 1.400,- S angerichtet.

Am 11.3.1938 marschierte ein Demonstrationszug der SS., SA. und HJ über die Salurner Straße zur Triumphpforte. Von der Welsergasse bis zur Meranerstraße war die Maria-Theresien-Straße gesperrt, um den Marsch, vorbei am Landhaus, zu verhindern. Der Zug marschierte daher über die Maximilianstraße und Fallmerayerstraße in die Anichstraße. „Dem Einmarsch von der Anichstraße in die Maria-Theresien-Straße wurde kein wie immer geartetes Hindernis in den Weg gelegt“ (Innsbruck Nachrichten, 12.3.1938).

Antisemitismus und Arisierung in der Anichstraße

Bereits 1889 gab es im Wahlkampf ein antisemitisches Flugblatt. Die Gruppierung „Christlicher Mittelstand“ warb mit der Devise „Vorsicht vor Juden! Kauft nicht bei Juden.“, und führte das Geschäft von Jakob Picker, Hülsenfrüchte und Mehlhändler in der Anichstraße an.

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Anichstraße Richtung Osten (Maria-Theresien-Straße), ca. 1887, links Anichstraße 22, rechts Bürgerstraße 15.

In der Anichstraße 4 war das Wiener Kleiderhaus „Zum Matrosen“ von Leon Abrahmer beheimatet. Nach dem „Anschluss“ wurde das Geschäft von SS-Sturmbandführer Alois Schintlholzer, einer der Mörder in der Pogromnacht geführt und schließlich von Ludwig Schirmer arisiert.

In der Anichstraße 13 gab es das Kinderkonfektionsgeschäft von Grete Berger. Grete Berger war die Schwester von Gertrude Adler. Grete Berger war mit Ing. Richard Berger verheiratet, der in der Pogromnacht erschlagen wurde. Grete Berger konnte mir ihrem Sohn Walter nach Palästina flüchten. Der zweite Sohn Fritz wanderte im August 1938 nach England aus.

In der Anichstraße 3 war ein Linoleum und Teppichgeschäft von A. Blum und G. Haas.

Die Familie Brüll hatte in der Anichstraße 7 ein Möbelhaus und Möbelfabrik. In der Pogromnacht wurde die Familie in ihrer Wohnung im selben Haus überfallen. Rudolf Brüll wurde mit einem Schlagring zu Boden geschlagen und ihm wurden 3 Rippen gebrochen. Seine Frau Julie wurde geschlagen und getreten und konnte sich durch einen Sprung über den Balkon auf das Hausdach retten. Rudolf wurde mit seinen Brüdern Franz und Josef am selben Tag von der Gestapo verhaftet. Nach einer kommissarischen Verwaltung wurde das Möbelhaus Brüll von Karl Zoglauer arisiert. 1949 wurde das Geschäft an die Familie Brüll zurückgegeben.

Die Samuel Hacker OHG betrieb in der Anichstraße 6 ein Tuchhaus. Erich Hacker verweigerte im September 1938 die Unterschrift zum Verkauf des Betriebes und wurde von der Gestapo verhaftet und drei Monate eingesperrt. Nach der Arisierung des Betriebes musste Hacker zwangsweise nach Wien übersiedeln und konnte 1939 nach England emigrieren.

Das Modehaus Julius Meisel war in der Anichstraße 3 beheimatet (als Nachbar von Blum und Haas). Am 2. Juni 1938 ging das Modehaus in arischen Besitz mit den neuen Inhabern Rabitsch und Richter über. Die Familie Meisel musste nach Wien übersiedeln und wurde 1942 nach Polen deponiert und ermordet.

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Anichstraße 3, weitererführende Informationen gibt es hier.

In der Anichstraße 4 war auch das Modehaus Stiassny & Schlesinger untergebracht. Wenige Wochen nach dem Anschluss wurde der Betrieb arisiert und hieß Alteneder & Co. Die Liegenschaft der Familie Stiassny, bestehend aus einem Gebäude mit acht Wohnungen und zwei Geschäftslokalen, wurde von der Gestapo am 24.6.1938 zugunsten des Landes Österreich beschlagnahmt.

Der Novemberpogrom und die Anichstraße 5:

Schreiben von Gertrude Adler an die Israelitische Kultusgemeinde Innsbruck betreffend Ereignisse in der „Kristallnacht“, 17.2.1961 (DÖW E 18.451)

„In der Nacht vom 9. auf 10. November brach eine entmenschte Horde, zirka 10-12 Mann, in unsere Wohnung, Anichstraße 5, 1. Stock, stürmte unser Schlafzimmer, schlug meinen Mann und mich nieder. Soviel ich mich erinnern kann, kamen sie in dieser Nacht noch ein zweites Mal. Mein Mann konnte sich nicht mehr rühren, er trug eine Lähmung davon und ich eine Gehirnerschütterung. Am nächsten Morgen veranlaßte unser Hausarzt, Dr. Köllensberger, die Überführung meines Mannes in die Nervenklinik. Ich blieb zu Hause, weil ich die Wohnung nicht allein zurücklassen wollte. Eine goldene Schaffhauser Herrenuhr ließen die Banditen auch mitgehen. Wir hatten einen Termin, bis wann wir Innsbruck verlassen mußten, und so verließen wir am 3. Jänner 1939 mit der Ambulanz Innsbruck und fuhren nach Wien, wo mein Mann 3 Wochen später starb.“

Ing. Josef Adler war Oberbaurat der Bundebahnen, Mitglied des Israelitischen Kultusrates sowie Schwager des ermordeten Ing. Richard Berger. Beim Überfall war seine Frau Gertrude, geb. Weiss und sein Vater Itzig Adler in der Wohnung.

Die Idee eines „Bürgerbüros“ der FPÖ in diesem Haus, stellt das Gebäude und die Anichstraße ins Rampenlicht. Das Haus Anichstraße 5 ist ein reines Wohnhaus, in dem bisher keine Büros untergebracht sind, die künftige Bürofläche dient derzeit als Wohnung für eine Wohngemeinschaft.

Bei einem Blick durch die Glastür des modern gestalten Parterrebereichs sieht man den alten Stiegenaufgang des Hauses. Ob eine barrierefreie Nutzung möglich ist, wurde von mir nicht nachgeprüft.

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Tiroler Tageszeitung, 20.12.2018

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Tiroler Tageszeitung, 21.12.2018

Quellen: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol, Horst Schreiber, Studienverlag / Verfolgung und Widerstand in Tirol, Band I, DÖW / Innsbruck und seine Stadtteile in historischen Bildquellen, F. H. Hye, Heimat Verlag / Innsbruck im Spannungsfeld der Politik 1918 – 1938, F. H. Hye, Josefine Justic, Stadtmagistrat Innsbruck / Jüdische Geschäfte in Innsbruck, Horst Schreiber, Studienverlag

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